Antike Musik

Musica Romana auf Spurensuche

Die griechische und römische Antike steckt voller musikalischer Geschichten. Ob einfache Hirten, Gelehrte oder rauschende Feste – Musik gehörte stets dazu. Nur, wie klangen diese Melodien? Musica Romana hat die Antwort.

Skulptur am Trajansforum in Rom - auch hier spielte die Musik der Antike. (Foto: photocase.de)
Skulptur am Trajansforum in Rom - auch hier spielte die Musik der Antike. (Foto: photocase.de)

Fotos zum Thema

  • Cover des Albums <span class="copy">(Foto: chronico)</span>
  • Dem Album liegt ein höchst informatives Booklet bei. <span class="copy">(Foto: chronico)</span>

Details

Bibliografie
Musica Romana; Symphonia Panica - Klänge der Römerzeit; Emmuty Records, Februar 2006; EM020; 12 EUR
Ausstattung
8 Titel; 23 min.; 16 S. Booklet mit ausführlichen Hintergrundinfos

Jenseits grauer Musiktheorie

Vergessen Sie die Sandalenfilme der fünfziger und sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Kaum einer dieser monumentalen Streifen kam ohne eine Szene mit Tänzerinnen und Musikern aus. Die Filmmusiker ließen allerdings ihrer Phantasie freien Lauf. Ganz anders geht die 2002 gegründete Formation Musica Romana an die Sache heran.

Die Gruppe ist ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern, Musikern und engagierten Laien. Zu ihnen gehören ausgebildete Tänzer, gelernte Instrumentenbauer und Archäologen. Ihr Ziel: Musik und Tanz der griechischen und römischen Antike historisch fundiert zu präsentieren. Mit trockener Stubengelehrtheit hat das Projekt allerdings wenig zu tun. Das zeigt das Album „Symphonia Panica – Klänge der Römerzeit“ ganz deutlich.

Es sind vier Wege, die Musica Romana beschreiten, um zu dem klangvollen Ergebnis zu kommen, das in dem Album steckt. Seit Jahren durchforsten die Mitglieder die Archive, um authentische Quellen antiker Musik aufzustöbern. Mehr als 60 so genannter Primärquellen sind der Forschung bekannt. Antike Autoren schrieben viel über Musiktheorie, auch eine Notenschrift ist bekannt – und so lassen sich manche Originalstücke recht genau erschließen.

Der zweite Weg ist das Arrangement dieser überlieferten Musikwerke. Auch das besorgen die Künstler von Musica Romana selbst. Und dafür benutzen sie – drittens – nur originalgetreue Instrumente, die wiederum in Eigenproduktion entstehen: Panflöte, Harfe, Doppeloboen (Aulos), Trommeln oder Zimbeln. Der vierte Weg ist dafür unabdingbar: Musica Romana stützt sich auf archäologische Funde. Auf der Scheibe „Symphonia Panica“ sind Rekonstruktionen von Funden aus Deutschland und der Schweiz zu hören.

Überlieferte Anekdoten

Der hellenistische Autor Athenaios von Naukratis (Ägypten) lebte an der Schwelle vom 2. zum 3. nachchristlichen Jahrhundert. Mit seinem berühmten „Gelehrtenmahl“ hinterließ er monumentales Werk über das Wissen seiner Zeit. In einem klassischen Symposion ließ er Gelehrte seiner Zeit auftreten und über Alltägliches und Wunderbares sprechen. Die Musik nimmt in diesem Werk einen breiten Raum ein.

So schreibt er über die Bedeutung der Musik unter anderem: „Daher auch zogen die so tapferen Spartaner unter Pfeifenklang in den Kampf, die Kreter mit der Lyra, die Lyder mit Panflöten und Pfeifen und Kithara, um die Herzen ihrer Gegner milder zu stimmen.“ In diesem Werk findet der Leser auch Hinweise auf die Spielweise der den verschiedenen Stämmen eigenen Musik. Den Charakter der ionischen Tonart vergleicht Athenaios etwa mit der Natur der Bewohner von Milet (Kleinasien): „Sie sind dank vorzüglicher körperlicher Verfassung stolz und aufbrausend, schwer zu besänftigen, zum Streit geneigt, …, zeigen in ihrer Wesensart Gefühlskälte und Härte. So ist auch die ionische Tonart nicht blühend und heiter, sondern hart und starr … Deshalb passt diese Tonart auch zur Tragödie.“

Man stelle sich die antike Musik nicht als einen starren Block ewig gleicher Harmonien vor. Die Griechen mokierten sich gern über die „barbarischen Römer“. Über Musiker, die etwas Neues wagten, wurde gern gelästert. Auch dafür hält Athenaios eine Anekdote bereit: „Von Timotheos von Milet wurde allgemein angenommen, dass er ein Instrument mit einer zu großen Saitenanzahl benutzte, die Magadis. Deshalb hätten ihn die Spartaner beschuldigt, er verderbe die alte Musik. Als man schon dabei war, ihm die überzähligen Saiten abzuschneiden, verwies er auf ein kleines Abbild Apollons, der eine Lyra mit der gleichen Zahl und Anordnung der Saiten hielt. Und so sei er frei gekommen.“

Sinnliche Melodien

Diese Geschichten, wie sie Athenaios und andere Autoren hinterließen, bekommen durch Musica Romana eine ganz neue Dimension. Sie sind hörbar geworden. Zwei antike Kompositionen hat die Gruppe in das Album „Symphonia Panica“ gepackt. Das erste Stück , „XVII“, ist ein Instrumentalwerk aus dem 3. oder 4. Jahrhundert Chr. Über eine mittelalterliche Handschrift ist es der Moderne überliefert – ein klassische lydische Tonfolge mit nur wenigen Takten. Welchem Instrument diese Töne einst zugeschrieben waren, das geht aus dem Text indes nicht hervor. Musica Romana entschied sich für eine Panflöte als dominierendes Instrument, begleitet von einer koptischen Laute wie sie in der Spätantike verwendet wurde. Das Ergebnis ist ein harmonisches Spiel zwischen zwei klanglich hervorragend zueinander passenden Instrumenten.

Bei den anderen sieben Stücken handelt es sich meist um Eigenkompositionen der Gruppe. Auf diese Weise zeigen sie, was in den Rekonstruktionen steckt. Es sind zuweilen ungewöhnliche Klänge für moderne Ohren. Aber wer sich darauf einlässt, wird mit sehr sinnlichen Melodien belohnt. Track zwei, „Cave Carminem!“, zum Beispiel: Wer oft mittelalterliche Musik hört, und sich nun daran erinnert fühlt, liegt gar nicht so falsch. Tief und brummig kommt die Doppeloboe (Aulos) daher – ein Rohrblattinstrument und damit verwandt mit den Sackpfeifen. Die Vertonung eines Faunsgedichtes von Horaz komplettiert die Klangreise durch die römische Antike. Auch hier beruht das Arrangement auf antike Musikpraxis. Klasse gemacht ist das Booklet mit Hintergrundinformationen.

Die Aufnahmen sind absolut hörenswert und machen Lust auf mehr – vor allem auf Aufführungen in klassischer Gewandung. Und genau das bietet Musica Romana auch. Zum Konzept gehört neben der detaillierten Rekonstruktion und konzertanten Aufführung auch die entsprechende Ausstattung mit Kleidung. Die Musiker zählen damit zu den wichtigsten Reenactmentgruppen der Antikenszene.

Quellenangabe

Die Athenaioszitate stammen aus der Übersetzung „Athenaios von Naukratis – Das Gelehrtenmahl“ aus der Sammlung Dieterich, Leipzig, 1985.

Marcel Schwarzenberger  |  Artikel vom 27. Juli 2006

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